Ota Filip

 

Schšnhof im Mai 1945 und 62 Jahre danachÉ

 

 

Die FliederstrŠucher in den GŠrten rund um die Kirche in Schšnhof waren im heurigen Mai mindestens um zehn Tage frŸher als sonst wei§ und lila aufgeblŸht.

Der Samstag des 5. Mai 2007 war ein wenig vernebelt; erst gegen halb zehn brach die Sonne den wei§en Schleier auf. Ein einsamer Kuckuck, der nach dem Winter aus dem afrikanischen SŸden nach Schšnhof in sein Nest zurŸckgeflogen kam, rief von der verfallenen Mauer des Schlossgartens[1] seine rhythmische Botschaft ins Dorf. Die Leute blieben auf der Dorfstrasse stehen und zŠhlten die ersten Kuckuckrufe des Jahres. Alle waren zufrieden, der Kuckuck prophezeite ihnen mit seinen einunddrei§ig rufen mindestens weitere einunddrei§ig Jahre gesunden und glŸcklichen Lebens.  

Die alte Frau ganz in schwarz gekleidet, die vor der Bank stehen blieb auf der ich unter einem Tannenbaum sa§, sagte: ZŠhlen Sie auch die Kuckucksrufe! Ein jeder Ruf bedeutet fŸr Sie ein Jahr des Lebens.

Ich habe einunddrei§ig gezŠhlt.

Ich dagegen nur hšchstens fŸnf, sagte die Frau, setzte sich auf die Bank neben mir, zog aus ihrer kleinen Handtasche einen Rosenkranz heraus, atmete tief aus und stellte, mir schien es mit einer Erleichterung fest, dass ich in Schšnhof fremd bin, also vertrauenswŸrdig und fing an mir ihre Geschichte zu erzŠhlen.   

 

Helga SchandlKreuz[2] hat den  zŠhlt ihre Jahre erst ab Montag Samstag den fŸnften Mai drei§igsten April 1945, also sechs Tage nach dem ab jenen Tag, als in Berlin Adolf Hitler krepierte und nach demals der BŸrgermeister von Schšnhofhof,  Ortsgruppenleiter der NSDAP, der reichste Hopfenbauer weit und breit, Fritz Winzourek, seit zehn Jahren der Obernazi im Dorf  und seit MŠrz fŸnfundvierzig Kommandant des Volkssturmes, in einer StŠrke von 34 Greisen, 18 Burschen unter sechzehn, Angehšrigen der Hitler Jugend, bewaffnet mit 50 Gewehren, fŸnf PanzerfŠusten und mit einem nicht verlŠsslich funktionierenden Maschinengewehr die hšchste Stufe der Kampfbereitschaft anordneteaufbrachen, nie vergessen, genauer gesagt nie vergessen wollen. An diesem Tag marschierte Fritz Winzourek an der Spitze der mit 50 Gewehren, fŸnf PanzerfŠusten und mit einem nicht verlŠsslich funktionierenden Maschinengewehr bewaffneten vierunddrei§ig alten MŠnnern und achtzehn Angehšrigen der Hitler Jugend, nach, um an der Kreuzung bei Hohen Trebetitsch zu der im April errichteten Panzersperre, um hier die die aus Sachsen Ÿber das Erzgebirge ins bšhmische Sudetenland stŸrmende 5.Panzer-division der Roten Armee. Kurz vor dem Aufbruch nach Hohen Trebetisch und nach einer Rede, in der Volksgenosse, Ortsgruppenleiter der NSDAP, Fritz Winzourek seine VolkssturmmŠnner fŸr den Kampf gegen den Bolschewismus, fŸr die Freiheit der sudetendeutschen Heimat und fŸr den Endsieg aufmunterte, erhŠngte er vor der Kirche auf dem untersten Ast des edlen Tannebaumes mit silbernen Reisig Helgas Vater, den Feigling und VerrŠter Anton Schandl, bis Herbst 1938 BrieftrŠger, dann sechs Jahre KZ-HŠftling, der sich weigerte gegen die ins bšhmische Sudetenland eingedrungene Rote Armee zu ziehen und sein Leben, das er sechs Jahre lang in drei Konzentrationslager retten konnte, fŸr ein untergehendes, verfluchtes Hitlers dritte Reich zu opfern.

Die zweiundfŸnfzig Schšnhofer alte MŠnner und fŸnfzehnjŠhrige Angehšrige der Hitlerjugend, das allerletzte sudetendeutsch-Schšnhofer Aufgebot, das den Untergang des tausendjŠhrigen Reiches an einer Panzersperre bei Hohen Trebetisch aufhalten wollte, hatten am fŸnften Mai 1945 eigentlich GlŸck: Die sowjetische 5.Panzerdivision fiel nach Bšhmen fŸnfzig Kilometer nšrdlich von Schšnhof Ÿber den BergrŸcken des Erzgebirges bei Zinnwald ein und stŸrmte Ÿber Teplitz-Schšnau Richtung Prag vor, wo ein Volksaufstand gegen die Deutschen ausbracht. Den Schšnhofer Volkssturm, der unter dem Kommando des BŸrgermeisters Fritz Winzourek entschlossen war, Hitlers tausendjŠhriges Reich und seine sudetendeutsche Heimat vor der bolschewistischen Gefahr zu retten, gegebenenfalls auch fŸr den bereits sechs Tage toten FŸhrer heldenhaft bei der Verteidigung der Panzersperre bei Hohen Trebetisch zu fallen, lie§ die Rote Armee sechzig Kilometer sŸdwestlich von der Sto§richtung der russischen Panzer vergeblich auf ihren ersten und letzten Kampfeinsatz warten.

Gegen 22.00 Uhr Ð kein bolschewistischer Feind war weit und breit zu sehen - befahl Fritz Winzourek den RŸckzug nach Hause ins zwei Kilometer entfernte Schšnhof.

Unter dem im nŠchtlichen Maiwind am untersten Ast des Tannebaumes einer edlen Sorte am Strick baumelnden Feiglings und VerrŠters Anton Schandl ordnete Fritz Winzourek fŸr den Fall, dass die Russen kommen, fŸr die Nacht hšchste Kampfbereitschaft an und hielt dann eine kurze Rede, in der er den ein wenig verdutzen VolkssturmmŠnnern erklŠrte, dass es vor dem jŸdisch-asiatisch-bolschewistischen Terrorsystem keine andere Rettung gibt, als deutsche Waffen, mit denen auch der Schšnhofer Volkssturm in KŸrze den bolschewistischen Ansturm wieder zurŸckschlagen wird. Zum Abschluss seiner kŠmpferischen Ansprache erklŠrte Volksgenosse Fritz Winzourek, dass ein jeder Feigling und VerrŠter, jeder DrŸckeberger, der nicht bereit ist, in dieser fŸr Sudetenland und fŸr Deutschland Schicksalsstunde sein Leben zu opfern, mit der selben Strafe rechnen mŸsse, die Anton Schandl verdient hatte.

Zweiundsechzig Jahre nach dem sonnigen, jedoch kŸhlen Samstag den fŸnften Mai 1945, am fŸr die Jahreszeit zu warmen, windlosen Samstag, den fŸnften Mai 2007, sa§ Helga Schandl, wie schon seit Jahrzehnten an diesem Tag schwarz gekleidet auf einer Bank im Schatten eines Tannebaumes vor der Kirche und betete Rosenkranz.

Im Dorf galt Helga Schandl seit Sommer 1945, als die ersten tschechischen Siedler und die so genannten ãrevolutionŠren GardistenÒ in Schšnhof den ersten N‡rodn’ výbor - Nationalausschuss - grŸndeten und Sudetendeutsche aus Schšnhof auszutreiben begannen, als Antifaschistin. Sie, die einige Deutsche oder Sudetendeutsche, eine von drei Tšchtern des wegen Feigheit hingerichteten VerrŠters, des seit 1933 Witwers Anton Schandls, der sechs Jahre in nazistischen  Konzentrationslagern sa§, durfte im Dorf bleiben; Helgas zwei Schwestern, Irene und Doris, wurden  nach Bayern ausgesiedelt.

In den drei Jahren nach 1945 arbeitete Helga Schandl, wie einst ihr Vater, als BrieftrŠgerin.  Als im Schšnhof nach dem kommunistischen Putsch in der Tschechoslowakei im Jahr 1948 eine landwirtschaftliche Kolchose gegrŸndet wurde, Ÿbergaben ihr, einer Antifaschistin, deutscher, jedoch proletarischer Herkunft, die Genossen vom Nationalausschuss die Verantwortung fŸr die FŸtterung und Zucht von fŸnfhundert staatseigenen Schweinen.

Geheiratet hat Helga Schandl nicht.

Auch in der Zeit des schlimmsten kommunistischen Terrors haben die Genossen an jedem fŸnften Mai um zehn Uhr drei§ig, also genau zur Stunde, als der BŸrgermeister und Ortsgruppenleiter der NSDAP Fritz Winzourek Helgas Vater im Jahr 1945 persšnlich die Schlinge um den Hals legte und ihm am untersten Ast des edlen Tannebaumes vor der Kirche hŠngte, beide Augen zugedrŸckt und der auf einer Bank vor der Kirche Rosenkranz betenden Antifaschistin, die fŸr ihre Erfolge bei der Aufzucht von fŸnfhundert staatseigenen Schweinen mit einem Diplom der Bezirksleitung der Kommunistischen Partei und mit einer Urlaubsreise nach Bulgarien belohnt wurde, ihre stille, jedoch šffentliche Andacht, die man in der Zeit des kommunistischen Regimes sonst als eine Demonstration von reaktionŠren Katholizismus unterbrechen und bestrafen mŸsste, geduldet.

Helga Schandls Geschichte war im Dorf allgemein bekannt und im Laufe von mehr als sechzig Jahren wurde sie immer wieder dem Zeitgeist angepasst, obwohl sie Ÿber ihrem Vater, bis Oktober 1938 BrieftrŠger im Dorf, Ÿber seine Jahre in nazistischen Konzentrationslagern, Ÿber seine demŸtigende Hinrichtung am fŸnften Mai 1945 und Ÿber ihre Folgen, nur einmal, und zwar gleich nach dem sie im August 1945 den Nazi Fritz Winzourek erschoss, den tschechischen Gendarmen in kurzen SŠtzen zusammenfasste Tatsachen, die zu diesem Mord fŸhrten  Ð Helga Schandl hielt sich selbst von Anfang an fŸr eine Mšrderin Ð ins Protokoll diktierte. Der Bezirksrichter in der Kreisstadt erhob gegen Helga Schandl keine Anklage und in der Bezirkszeitung ãJiskraÒ (deutsch ãDer FunkeÒ), in der Ausgabe von September 1945, wurde Helga Schandl fŸr ihre Tat als eine echte Antifaschistin gelobt, die mit einem die Tschechen hassenden Nazi, der ihren Vater erhŠngte, auf eine gerechte Art und Weise, und zwar mit zwei Kugeln, der einen in die Brust und der zweiten zwischen  die Augen des Nazi Winzourek, abrechnete. Nach dem kommunistischen Putsch im Februar 1948 wurde Helga Schandl von den Genossen šffentlich als eine im marxistisch - proletarischen Sinne RevolutionŠrin gefeiert, als ein deutsches MŠdchen, das den Mut hatte, nicht nur mit einem Ausbeuter, einen Kulaken[3], sondern auch mit einem Faschisten ein Ende zu machen.  

Das tschechische Fernsehen wollte Ÿber die  deutsche Antifaschistin schon mehrmals auch fŸr ihre Kaninchenzucht und wunderschšnen Blumengarten ausgezeichneten Rentnerin Helga Schandl einen Film machen. Sie lehnte genau so resolut ab, wie Fototermine und GesprŠche fŸr gro§e Prager Tageszeitungen und Illustrierte.

Jedes Jahr am fŸnften Mai, also schon  zweiundsechzig Jahre, wenn ich vor elf Uhr auf der Bank vor der Dorfkirche unter jenen Tannenbaum sitze, auf dem mein Vater von diesen Nazischwein Winzourek gehŠngt wurde und Rosenkranz bete, treibt es mich in die Kirche, um dort zu beichten, sagte Helga Schandl, atmete schwer durch und fuhr fort: Aber warum sollte ich meine SŸnde vor einem Pfarrer, der auch nur ein Mensch ist beichten, wenn ich direkt meinem Gott die Sache zwischen mir und diesen Nazi Fritz Winzourek beichten oder einen Fremden, der bereit ist mir ihr schweigend zuzuhšren, meine Geschichte in deutscher Sprache erzŠhlen kann. Mit den Ereignissen hier in Schšnhof am fŸnften Mai 1945 und mit ihren zwei tšdlichen AusgŠngen, haben die Tschechen nichts zu tun, also erzŠhle ich auch meinen tschechischen Nachbarn nichts.  

Meine Geschichte, hob Helga Schandl ihre Stimme, ist nicht ein Bestandteil der tschechischen, sondern der allerletzten sudetendeutscher Geschichte in Schšnhof. Ich habe, wie schon gesagt, es seit 1945 nicht geschafft, dem Pfarrer zu beichten. Und wissen Sie warum? Weil ich mich vor meinem Gott Ÿberhaupt nicht dafŸr schuldig fŸhle, dass ich diesen Nazi Fritz Winzourek, der meinen Vater schon im Herbst 1938, als uns die Nazis, wie sie damals sagten, befreit haben, ins Konzentrationslager schickte und ihm am fŸnften Mai 1945 auf den untersten Ast des Tannenbaumes als Feigling und VerrŠter den Strang um den Hals legte und erhŠngte, erschossen habe.

Sie sitzen hier auf der Bank mit einer Mšrderin, fŸgte Helga Schandl leise hinzu, legte den Rosenkranz in ihre Handtasche und fuhr mit einer gedŠmpfter, ein wenig zitternden Stimme, mit der GlŠubige beichten, fort:

Mein Vater war kein Antifaschist und natŸrlich kein Nazi. Er war BrieftrŠger, also Potsbeamte deutscher Muttersprache im Dienst des tschechoslowakischen Staates. In der tschechoslowakischen Armee hat er es bis zum Korporal gebracht, darauf war er mŠchtig stolz. Bis Ende 1937 fuhr er auf einem Dienstfahrrad mit der Post auch in die vier umliegenden Dšrfer. Ab ersten Januar 1938 bekam er von der Post ein Motorrad, eine Jawa[4], zugeteilt. Als Anfang Oktober 1938 nach dem Abkommen in MŸnchen auch durch unser mit Hakenkreuzfahnen beflaggtes Dorf, von fast allen Bewohnern stŸrmisch als Befreier begrŸ§t, Hitlers Wehrmacht marschierte, sagte mein Vater:

Das geht nicht gut aus. Das wird ein schlimmes Ende nehmen. Der Hitler bringt uns nur UnglŸckÉ

Und am nŠchsten Tag, als die Nazis in der Kneipe ãZum blauen OchsenÒ die Befreiung feierten, erhob sich nach dem dritten Bier und zweiten Schnaps mein Vater und sagte laut, so dass es auch der Nazi Winzourek hšren konnte:

Bin neugierig zu erfahren, ob uns der FŸhrer Adolf Hitler mehr Freiheit bringtÉIch meine Pressefreiheit, Demokratie und Freiheit Ÿberhaupt.

Vierzehn Tage spŠter war der BrieftrŠger Anton Schandl in Dachau. Bis Ende 1941 bekamen seine drei Tšchter, Helga, Irene und Doris, von ihm zweimal im Jahr ein Lebenszeichen, das letzte aus Mauthausen kurz vor Weihnachten:

Es geht mir gut, Gott behŸte euch, meine lieben Tšchtern Euer Vater Anton Schandl.

Die Hoffnung der drei Schandls Tšchtern, dass der Vater lebt, starb mit dem Beginn des Jahres 1945.

Dann geschah ein Wunder! Kurz vor Mitternacht, ich erinnere mich genau, seufzte Helga Schandl, am achtzehnten April 1945, klopfte jemand an die HaustŸr. Ich machte auf und sah ein dŸnnes Gespenst, den Schatten meines Vaters.

Habt keine Angst, sagte der Vater in der KŸche, ich habe im KZ FlossenbŸrg einen Entlassungsschein ausgestellt am zwšlften April bekommen. Fragt mich nicht, wie den Schein als die SS das Konzentrationslager aufzulšsen und Spuren ihrer Morde  zu beseitigen begann, ergattert habe. Sechs Tage und NŠchte bin ich aus FlossenbŸrg nach Hause marschiert. Und morgen melde ich mich bei der Gemeinde an. Es kann mir nicht passieren, mein Entlassungsschein ist echt, die Nazis sind am Ende und der Krieg ist in einigen Tagen vorbei.

Ich habe Vater am nŠchsten Tag bei der Gemeinde polizeilich angemeldet. Alles ging glatt, ja sogar Lebensmittelkarten fŸr den Rest von April und fŸr Mai habe ich fŸr ihn bekommen.

Der Vater schlief drei NŠchte und vier Tage lang.

Ich habe einen Hahn geschlachtet, starke Suppe gekocht, damit er zu KrŠften kommt. Ich erinnere mich, es war ein Montag, als in Berlin endlich Hitler zum Teufel ging.. Wir machten die letzte Flasche Wein auf und tranken auf Hitlers Tod und auf den nahenden Frieden. Den Vater haute allerdings das zweite Glas Wein um, er bekam MagenkrŠmpfe. Der Doktor sagte, ich soll ihm Kamillentee und Haferbrei kochen. Keine Angst, er kommt schon wieder in Ordnung.

Am Mittwoch ging es Vater so gut, dass er vor dem Haus auf der Bank sitzen konnte und am Donnerstag machte er im Garten in der FrŸhlingssonne den ersten kurzen Spaziergang.

Am Freitag den vierten Mai erschien bei uns in der FrŸh der Gemeindediener Josef Hauf, ein Nazi, mit Stahlhelm auf seiner Glatze, mit Gewehr und mit einer silbernen Tapferkeitsmedaille aus dem ersten Weltkrieg auf der linken Brustseite seiner SA Uniform, grŸ§te Heil Hitler und Ÿberreichte dem Vater den Einberufungsbefehl zum Volkssturm.

Dienstantritt morgen, am Samstag den fŸnften Mai um acht Uhr im Feuerwehrhaus, sagte er und fŸgte mir gehobenen rechten Arm hinzu Heil Hitler!

Den Vater erschŸtterte ein Hustenanfall und als er bei Josef Haufs Heil Hitler Blut und Schleim ausspuckte, sagte er, Pepi, du und dein Volkssturm kšnnt mich am Arsch lecken!

Das hab` ich nicht gehšrt, erwiderte Hauf und verschwand.

Am Samstag den fŸnften Mai erschien bei uns um zehn Uhr in brauner Uniform und mit Pistole in der rechten Hand Fritz Winzourek begleitet von zwei SA MŠnnern in Uniform, den einŠugigen Kommandanten der šrtlichen Feuerwehr Helmut Kreisel, und dem rachitischen Friseur Karl Wetter, und schrie meinen Vater an:

Wieso bist du meinen Einberufungsbefehl zum Volkssturm nicht gefolgt?

Weil ich nach sechs Jahren Konzentrationslager, wo ich wegen dir, du Nazischwein, sa§, keine Lust habe, am letzten Tag des Krieges fŸr dein beschissenes dritte Nazireich zu  sterben!

Also du weigerst dich fŸr Deutschland und fŸr deine sudetendeutschen Heimat zu kŠmpfen!

Du kannst mich malÉ

Fritz Winzourek legte meinen Vater die Pistole an die Brust.

Mit VerrŠtern und Feiglingen rechnen wir nach unseren Gesetzen ab! schrie er meinen Vater an. Ich, als Kommandant des Volkssturmes und BŸrgermeister verurteile dich zum Tode durch erhŠngen. Nehmt ihn fest!

Der Vater spuckte Blut, wischte sich mir dem €rmel seines einzigen wei§en Sonntagshemdes, in dem er am Sonntag nach sechs Jahren im Konzentrationslager wieder in die Kirche gehen wollte, um Gott fŸr seine Rettung und Befreiung zu danken und lie§ sich widerstandslos abfŸhren. In der HaustŸr drehte er sich um, lŠchelte mich und meinen Schwestern wehmŸtig an:

MŠdls, heult nicht, habâ eben Pech gehabtÉ

Ich, damals achtzehn und meine zwei Schwestern, die neunzehnjŠhrige  Doris und die um zwei Jahre als ich jŸngere Irene, standen wie versteinert da, wir heulten laut, haben jedoch nicht ganz begriffen, dass wir unseren Vater zum letzten Mal sehen.

SpŠter haben wir erfahren, dass keiner von den VolkssturmmŠnnern bereit war, dem Nazi Fritz Winzourek bei der Hinrichtung zu helfen. Er musste selbst auf die Leiter steigen, um den Strick am untersten Ast des Tannebaumes fest zu binden, er musste dem Vater selbst den Strick um den Hals legen, er musste ihm auf einen aus dem gegenŸber liegenden Gasthaus ãZum blauen OchsenÒ hergebrachten Stuhl helfen und er musste auch den Stuhl mit einem Tritt wegsto§enÉ

Das ganze Dorf schaute schweigend zu.

Ich habe nicht den Mut gehabt, laut aufzuschreien.

Der Schrei blieb mir in der Kehle und in meiner Seele stecken, bis heute.

Der Lehrer, der einarmige, bis zu seiner Verwundung im Sommer 1942 vor Smolensk SturmbannfŸhrer der Waffen SS, Horst Gassler, schrieb mit wei§er Kreide auf einen schwarzen Pappendeckel in Druckschrift - Ich bin ein VerrŠter -  und hŠngte die Pappe unseren Vater um den Hals.

In der Sekunde, als dieser Nazi Winzourek, natŸrlich sonst ein guter Christ, der mindestens zwei mal im Jahr seine SŸnden beichtete, mit einem Tritt den Stuhl, auf dem mein Vater mit dem Strick am Hals stand, weggesto§en hat, ist mein Glaube an Gott zusammengebrochen. Aus den TrŸmmern meines zusammengebrochenen Glaubens wuchs in mir ein wild nach Rache schreiender Hass.

Von diesem Augenblick an war er es mir klar, dass ich dieses nazistische Schwein namens Fritz Winzourek umbringen muss. Und ich habe ihn, leider zu schnell und schmerzlos, mit zwei SchŸssen, den ersten in die Brust, den zweiten zwischen seine weit aufgerissenen Augen, am Sonntag den sechsundzwanzigsten August 1945 umgelegt, genau hier, unter dem Tannenbaum, an dem Winzourek meinen Vater aufhŠngte. Ich finde es gerechtÉund Sie?

Auch diesmal erwartete Helga Schandl keine Antwort, zog aus ihrer Handtasche den Rosenkranz heraus, schloss ihre Augen und begann leise zu beten.

Am Montag den siebenundzwanzigsten August 1945 gab Helga Schandl dem Oberwachtmeister der Gendamerie Josef Kadlec, der sie in Saaz wegen des Mordes an Fritz Winzourek verhšrte Ð kurz zusammengefasst - zu Protokoll[5], dass sie in der FrŸh des sechsten Mais 1945 im Strassengraben vor ihrem Haus mehrere von Angehšrigen des Volkssturmes weggeworfene Gewehre mit Munition gefunden hat, ein Gewehr nahm sie mit nach Haus, ja es stimmt, mit der Absicht diesen Nazi Winzourek zu erschie§en und somit ihren Vater zu rŠchen.

Als sie mit dem Gewehr am sechsten Mai 1945 um elf Uhr vormittags Fritz Winzoureks Haus betrat, um ihm  zu tšten, war er verschwunden. Seine Frau, TrŠgerin des nazistischen Mutterkreuzes, weinte nicht, ihre Stimme war hart, als sie sagte, mein Mann hat jetzt noch einige Pflichten zu erfŸllen, wann er nach Hause kommt, wei§ ich nicht.

Bis Sonntag den sechsundzwanzigsten August 1945 war Winzourek verschwunden, aber am diesen  Tag, als die tschechischen revolutionŠren Gardisten zuerst die sechzig Nazis, unter ihnen auch Winzoureks Familie, aus dem Dorf auszusiedeln begannen, erschien Fritz Winzourek auf dem Sammelplatz vor der Kirche und verstecke sich mitten in Haufen der zum Abmarsch heim ins Reich versammelten sechzig šrtlichen Nazis samt ihrer Familien.

Ich nahm das Gewehr aus dem Schrank, gab Helga Schandl zu Protokoll, ging zur Kirche Ð ja, ihn  dort auf einem Koffer mitten unter seiner Familie und im  Haufen von sechzig Schšnhofer Nazis versteckt sitzen.

Ich sagte ihm: Steh` auf, Nazischwein.

Fritz Winzourek, abgemagert, nicht rasiert und in schmutzigen Anzug, stand im Schatten des Tannenbaumes, auf dessen niedrigsten Ast er meinen Vater erhŠngte auf und sagte, Frau Schandl, der Krieg ist aus. Wir alle sind doch Christen, jetzt gilt es doch die  schlimme Zeit zu vergessen, zusammenhalten und gemeinsam in die Zukunft sehen.

Mein Vater, den du nach Dachau geschickt und als VerrŠter gehŠngt hast, hat keine Zukunft.

So wollte es das GesetzÉIch habe als BŸrgermeister und als Kommandant des Volkssturmes nur nach den gŸltigen Gesetzen gehandeltÉ

Nach diesen Worten habe ich zweimal abgedrŸckt und zweimal durchgeladen. Ja, ich gebe zu, mit der Absicht, Fritz Winzourek zu tšten.

Fritz Winzourek fiel zu Boden, er war sofort tot - so steht es im Protokoll - Helga Schandl legte das Gewehr auf die Bank vor der Kirche ab und lie§ sich von zwei revolutionŠren Gardisten ins GebŠude des  Nationalauschusses abfŸhren. Gegen Mittag wurde  sie mit einem MilitŠrauto zum Verhšr nach Saaz gebracht.

Das Protokoll unterschrieb Helga Schandl am siebenundzwanzigsten August 1945 um 17,30 Uhr nicht mit lateinischer, sondern Schwabacher Schrift.

Der Staatsanwalt in Saaz, JUDr. Alois Kudl‡ček, von 1941 bis Anfang Mai 1945 politischer HŠftling in Mauthausen und in Bergen-Belsen, verzichtete darauf, gegen die Antifaschistin Helga Schandl eine Anklage wegen Mord zu erheben.

Helgas Schnadls im Januar 1946 aus Schšnhof in die US Zone abgeschobenen Schwestern, Irene und Doris, versuchten nach der GrŸndung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 bis 1956 mehrmals - vergeblich - bei einen bayerischen Gericht eine Rehabilitation ihres Vaters, des wegen angeblichen Verrat und Feigheit von einem verrŸckt spielen Nazi hingerichteten Angehšrigen des Volkssturmes, vorher sechs Jahre politischen HŠftlings in drei Konzentrationslagern Anton Schandl, zu erreichen.

Im Jahr 2005 bemŸhte sich auch Helga Schandl nach sechzig Jahren vor einem bundesdeutschen Gericht um einen Rehabilitation ihres Vaters. Das Gericht lehnte ihre Klage ab und Helga Schandls bundesdeutscher Rechtsanwalt lie§ die Antifaschistin im tschechischen Schšnhof im eingeschriebenen Brief vom 12.6.2005 Ð kurz zusammengefasst Ð wissen:  

Nach Aussagen von zwanzig Zeugen, im August 1945 aus Schšnhof vertriebenen Sudetendeutschen, die sie unter Eid in den Jahren 1949 bis 1954 vor einem bundesdeutschen Gericht abgelegt haben, galt Anton Schandl schon vor dem Krieg als ein dem Deutschtum entfremdetes Element und tschechenfreundlich. Nach seiner Entlassung aus dem Arbeitslager[6] FlossenbŸrg im April 1945, gaben alle zwanzig Zeugen, ehemalige Schšnhofer Sudetendeutsche zu Protokoll, hatte Anton Schandl dieselben Pflichten, wie damals ein jeder Deutscher, also auch die Pflicht das Vaterland, von Feinden gefŠhrlich bedroht, mit der Waffe zu verteidigen, was Anton Schandl ablehnte. Nach den damals gŸltigen Gesetzten und Kriegsgesetzen, die sein Handeln nicht anders als Verrat und Feigheit vor dem Feinde bewerten konnten, musste er als Angehšrige des Volkssturmes von seinen Vorgesetzten mit dem Tode bestraft werden.

Das bundesdeutsche Gericht nahm im Jahr 1955 die Klage von drei Winzoureks Nachbarn, ehemaligen Ordnern in Dienst von Konrad Henleins Sudetendeutscher Partei, seit Oktober 1938 Mitgliedern der NSDAP, des Tischlers Adolf Meier, des Gemeindedieners Josef Huber und des Bauern Adalbert Becher an und stellte gegen die in Schšnhof, Tschechoslowakische Republik, lebende Helga Schandl wegen Mordes an Fritz Winzourek, bis Mai 1945 BŸrgermeister von Schšnhof und Kommandant des šrtlichen Volkssturmes, einen Haftbefehl aus.

Helga Schandl hat es bis heute nicht gewagt, ihre zwei in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Schwestern zu besuchenÉ

Sudetendeutsche, die heute Schšnhof, ihre einstige Heimat, aus der sie im SpŠtsommer 1945 und im FrŸhling 1946 vertrieben wurden, besuchen, meiden Helga Schandl.

Wenn sie mir auf der Strasse begegnen, sagte Helga Schandl nach dem letzten Gebet, dann grŸ§en sie mich nicht, senken ihre Kšpfe oder machen einen weiten Bogen um mich. …fters habe ich gehšrt, dass ich fŸr meine einstigen Nachbarn und Landsleute eine Mšrderin bin, die einen anstŠndigen Familienvater...naja, er war zwar Nazi, sonst aber ein guter ChristÉ aus Rache erschossen hat.

Helga Schandl stand auf und atmete tief durch.

Haben sie die letzten Kuckuckrufe gezŠhlt? Es waren nur fŸnfÉ Ich bin ja schlie§lich schon achtzigÉ FŸnf Jahre, wenn ich den Kuckuck glauben soll, reichen mirÉ

 

Murnau, Mai 2007

 

 

 

 

 

 

 



[1] Das Schloss oberhalb des Dorfes, ein Geschenk des FŸhrers Adolf Hitlers an seinem Au§enminister, gehšrte seit 1939 bis Mai 1945 Joachim von Ribbentrop.

[2] Alle Namen und auch Ortsnamen in dieser Geschichte sind geŠndert.

[3] Kulak Ð aus dem Vokabular der sowjetischen  Propagandisten Ÿbernommene Bezeichnung fŸr reiche, zur Liquidierung  oder zur Verbannung nach Sibirien bestimmte Bauern.

[4] JAWA Ð vor dem II. Weltkrieg ein Motorradfabrik in der CSR

[5] Dieses Protokoll ist im Archiv des Bezirksgerichtes in Louny einzusehen.

[6] Dem Begriff Konzentrationslager mieden alle Zeugen und sprachen entweder von Arbeitslager oder von Arbeitseinsatz,